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Sonntag, 12. Februar 2012

Per Anhalter


Das Mädchen lebte schon seit geraumer Zeit in dem alten, ausrangierten Bauwagen. In so einem wie jenem, in dem auch Peter Lustig in seinen ‚Löwenzahn‘-Geschichten wohnte. Der Bauwagen des Mädchens aber war rot. Das Rot blätterte von den Außenwänden ab. Ein anderer Unterschied war auch, dass Peter Lustig, wenn die Kameras ausgingen und sich die ganze Belegschaft einen hinter die Binde kippte, nach Hause ging. In sein richtiges zu Hause. Ein Haus aus Stein, mit vielen Zimmern. Das Mädchen musste in seinem Bauwagen bleiben. Aber, sagte es sich, es hätte auch schlimmer kommen können. Immerhin regnete es nicht durch das Dach, und das war viel wert.
Doch auch so war es in dem Wagen nicht wirklich gemütlich. Es war eiskalt, zum Schlafen hatte sich das Mädchen ein Lager aus einer alten Matratze und Decken gebaut, in einer Ecke standen ein Campingkocher und ein Eimer mit kaltem Wasser zum Waschen. Die Fenster waren mit Stofffetzen verhängt und durch die undichte, klapprige Tür pfiff der eisige Winterwind. Der Holzfußboden war morsch und mit trockenen Blättern übersät. Ein bisschen wohnlicher wurde das Ambiente nur durch den zerschlissenen aber bequemen, dunkelgrünen Samtsessel, der in der Mitte des Raums stand, ein Modell wie man es sonst in den Wohnungen von Großmüttern vorfand. Neben dem Sessel stand eine Holzkiste, auf der eine Kerze brannte und drei Bücher lagen: ein Groschenroman über eine Tierärztin im Allgäu, ein zerfleddertes Kinderbuch und eine Ausgabe von Shakespeares ‚Romeo und Julia‘.
So sah es also in dem Bauwagen aus. Manch einer mag anmerken, dass das Mädchen sich diesen Ort doch nett hätte herrichten können, wenn sie schon dort Hausen musste. Warum tat es das nicht? Und warum lebte es überhaupt dort?

Dienstag, 10. Januar 2012

Standheizung


Diese Geschichte spielt im Winter, in einer Siedlung am Rande der Stadt, einer Stadtrandsiedlung, wie man diese auch nennt. Eine Ansammlung von Häuschen aus orangefarbenem Backstein, akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken und gepflegten Rosensträuchern. Hier leben die Pendler mit ihren Frauen, den zwei Kindern und ihren Hunden. Wochentags, um Punkt halb sieben, steht das Abendessen auf dem Tisch. Die Pendler kommen nach Hause, es wird gegessen und dann eine Abendshow gesehen. Das familiäre Leben findet immer abends statt, wegen der allgemeinen schlechten Laune am Morgen. Das ist dann auch das einzige Problem der Pendler. „Ich bin ja so ein Morgenmuffel“ sagen sie. Und damit, denken sie, machen sie sich interessant.
Der beste Freund eines Pendlers ist sein Auto, mit welchem er pendelt, zwischen seinem orangefarbenen, buchsbaumumwachsenen Haus, mit Frau und Kind und Hund darin, zu seiner Firma.

Der Pendler um den es in dieser Geschichte geht, lebte also am Stadtrand. Wie die anderen. Er besaß das obligatorische Haus, die Buchsbaumhecke, hatte eine Frau, zwei Kinder und einen Hund, der Hundi hieß, weil sich seine Kinder den Namen ausgesucht hatten). Und der Pendler besaß ein Auto. Ein wunderbares Auto. Sein bester Freund, den er in jeder freien Minute wachse, polierte und streichelte. Es gab jedoch eines, womit der Pendler seinen Freund nicht verwöhnen konnte. Seit Jahren bettelte er beim Amt um eine Baugenehmigung für eine dringend notwendige Garage. Vergebens. Und er fragte sich, ob diesen Menschen denn keine Autos hatten. Oder Herzen. Was auch immer der Grund, so kam es, dass der Pendler Jahr für Jahr, wenn der Winter und der Frost kamen, an seinem Wohnzimmerfenster saß und schweren Herzens zusah, wie sich das Eis in einer weißen Schicht über seinen besten Freund legte, wie er dort so einsam am kalten Straßenrand stand und sicher bitterlich fror. Fast sah es aus, als gäbe es keine Hoffnung. Bis ihm eines Abends beim Herumschalten durch die Fernsehkanäle die Lösung offenbart wurde.

Dienstag, 3. Januar 2012

Neu, wie immer.


Willkommen im Jahr 2012. Sieht gar nicht so anders aus als 2011, hat aber definitiv Potential, noch etwas aus sich zu machen, geht ja jetzt erst los. Apropos los: Seit knapp einem Monat gibt es 'Jetzt ist bald und nichts ist los' in den deutschen (und hoffentlich auch österreichischen und schweizer) Buchhandlungen zu erwerben. Hab ich gehört. Um mich nicht von einem eventuellen Fehlen deprimieren zu lassen, habe ich mir selbst auferlegt, einen großen Bogen um Buchläden jeder Art zu machen, ja, auch und vorallem um Amazon. Dieses Mal werden keine Kritiken gelesen, dieses Mal, habe ich bereits alles gesagt, was zu  sagen war. Bisher bin ich mit beeindruckender Disziplin bei der Sache.

Ich hoffe allerdings, dass alle, die ihren Weg zu diesem Blog gefunden und mein neues (und auch altes!) Buch gelesen haben, Freude daran hatten. Und Lust haben, hier noch ein wenig herumzustöbern und zu verweilen. Ich war im letzten Monat etwas faul, was die Postings und das schreiben von neuen Kurzgeschichten betrifft. Ich will das gar nicht auf den Vorweihnachtsstress und die Feiertage schieben, muss aber.

Um das wieder gut zu machen, habe ich mir etwas ganz Besonderes überlegt: Ich habe in meiner Kiste alter Werke gekramt und dort eine Sammlung von drei Kurzgeschichten gefunden, die ich im Winter 1999 als Weihnachtsgeschenk für drei Freunde verfasst habe. An der ein oder anderen Stelle, habe ich sie ein wenig überarbeitet und 'glattgebügelt', mit 17 hat man eben andere Standards, aber im Großen und Ganzen wurde so wenig wie möglich verändert. 

Also dann, ab morgen geht es los mit der '1999er Trilogie', erste Geschichte: 'Die Standheizung'. Ich wünsche schon jetzt viel Vergnügen!

Freitag, 2. Dezember 2011

Nebel.


Ich könnte jetzt nicht mehr sagen, welche Party es gewesen war, von der wir kamen. Mein bester Freund und ich. Es war ein kalter Abend, irgendwann spät im Jahr, im Winter, wahrscheinlich bereits in der Adventszeit, wenn die Tage dunkler sind als hell, kälter als warm, die Bäume kahl und die Schaufenster umso reicher geschmückt mit allem, was weihnachtlich und gemütlich ist. Licht hinter Glas. Ich könnte jetzt auch nicht mehr sagen, wie viel Uhr es war. Spät. Oder früh. Aber es war diese Zeit, zu der man denkt, dass man entweder schnell nach Hause geht, schnell und ohne Umwege, ins Bett und den Tag beschließt, der inzwischen ein neuer geworden ist, oder weitermacht bis er wirklich offensichtlich wird, der neue Tag, durch ein bisschen Licht und sparsames Vogelgezwitscher. Vielleicht.
Wir waren ein wenig betrunken. Ein wenig bedeutet in diesem Fall ‚deutlich‘. Wir waren zusammen gekommen und gingen zusammen, wie Freunde das tun.
„Wollen wir gehen?“
Einer von uns beiden hatte diese Frage gestellt und der andere hatte sie bejaht.
An Gehen war allerdings nicht zu denken, wie uns wenig später auffiel, nachdem die Haustür unseres Gastgebers hinter uns ins Schloss und wir ins Dunkel der Nacht gefallen waren, im wahrsten Sinne des Wortes, erschlagen von der frischen, kalten Luft und den Mischgetränken, die auf privaten Partys immer eine etwas größere Herausforderung darstellen als anderswo. Man muss ja sehen, wo man bleibt.
„Taxi?“ fragte einer von uns, und der andere bejahte.
Wir gingen bis zur nächsten Hauptstraße, wir schleppten uns gegenseitig, Arm über Schulter und um Taille, und redeten über das, was wir in den letzten Stunden mit- und ohne einander erlebt hatten. Unser Atem formte kegelförmige Wolken, die schmalste Stelle an unseren Lippen.
„Hast du die eine gesehen?“
„Welche?“
„Die mit den roten Jeans.“
„Die Blonde?“
„Ja.“
„Klar, hab ich gesehen. Was ist mit der?“
„Die war süß“, sagte mein bester Freund.
Und ich fand sie plötzlich weniger süß. Ich wusste auch nicht, wieso. 

Montag, 24. Oktober 2011

Stein.

Eine kleine Einleitung
Jeden Monat poste ich hier in meinem Blog eine Kurzgeschichte. Da dieser Monat, der Oktober, der Monat von Halloween ist, habe ich mir ein dazu passendes Special überlegt und versucht, zum ersten Mal in meinem Leben eine Gruselgeschichte zu schreiben. Ich hoffe, sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Viel Spaß. Und Angst. Eure Käte.


 Meine älteste Cousine hatte mir irgendwann, als ich noch ein Kind war, erzählt, dass man um Mitternacht nicht in den Spiegel schauen sollte, denn dann zeigt er einem, wie man aussehen wird, wenn man stirbt. Mir war nicht wirklich klar, was daran so schrecklich sein sollte, aber die Art und Weise, in der sie mir davon berichtete, ließ mich den Entschluss fassen, niemals, unter keinen Umständen, um Mitternacht in einen Spiegel zu sehen. Und ich hielt mich daran. Einmal erschrak ich fast zu Tode, als ich (und es musste gegen Mitternacht gewesen sein) zufällig mein eigenes Ich als Reflexion in einer Fensterscheibe wahrnahm. Ich ärgerte mich, weil ich nie daran gedacht hatte, dass für Fensterscheiben eventuell dieselbe Regel galt wie für Spiegel. Und ich machte fortan um Mitternacht auch um diese einen großen Bogen.

Bis ich eines Nachts das hellgraue Gesicht vor meinem Fenster schweben sah. Die Uhr zeigte wenige Minuten nach Mitternacht. Ich hatte mich gerade zu Bett gelegt, da erblickte ich es.

Montag, 26. September 2011

Hellblau.


Der Zettel fiel mir auf, als ich an der Ampel neben der Bushaltestelle wartete, auf dem Weg nach Hause, nach einem langen Arbeitstag. Wobei es Sommer war, die Jahreszeit in der lange Arbeitstage nie wirklich lang erscheinen, selten so lang wie ein kurzer Arbeitstag im Winter, zum Beispiel. Das hat etwas mit dem Licht zu tun, dem Sonnenschein, der einen erwartet, wenn man das Büro verlässt, einen sozusagen an der Tür abholt, wie damals Mutter von der Schule – als man sich noch darüber freute, wenn sie das tat, vorausgesetzt. Das hört ja auch irgendwann auf.

Der Zettel jedenfalls war mit vier Streifen Klebeband an dem Ampelpfeiler angebracht. Ich hätte ihn nicht einmal bemerkt, wäre nicht just in dem Moment, als ich aus dem Bus sprang und die Straße überqueren wollte die Grünphase vorbeigegangen  und die Autos wieder angefahren. So aber hatte ich nichts Besseres zu tun und als moderner Mensch, dem extrem schnell langweilig wird, wenn nicht alle halbe Minute etwas passiert (es muss nicht spannend sein, es muss nur passieren), fing ich an, ihn zu lesen.

In der Gegend, in der ich wohne, kleben die Leute eigentlich nur eine Sorte von Zetteln an Ampelpfeiler: „Junges Akademikerpaar, er Anwalt, sie Wirtschaftsprüferin, Nichtraucher, keine Kinder, suchen eine 3 bis 4-Zimmer-Wohnung, möglichst mit Balkon, VB, Dielenfußboden. Belohnung…“ und so weiter. Es ist schon eine traurige Welt, in der man nur dann eine schöne Wohnung mit Vollbad und Balkon anmieten darf, wenn man sich über Jahre in unzähligen Wirtschaftsseminaren zu Tode gelangweilt und erfolgreich gegen das Kinderkriegen gewehrt hat. ‚Ist es das wert?‘ muss man da fragen. Und ich sage: nein! Aber das tut hier und jetzt nichts zur Sache, denn hier und jetzt geht es um diesen einen besonderen Zettel, auf dem etwas ganz anderes stand. Nämlich:

Montag, 1. August 2011

Einlagen.


Als das mit den Knieschmerzen losging, dachte ich, jetzt ist es soweit. Ich bin alt. Ich habe Knieprobleme. Irgendwann machen die Gelenke nicht mehr mit, erst der Rücken, dann die Gelenke. Knie. Und dann irgendwann kommen Rheuma und Gicht dazu. So schnell. Und das, bevor ich es fertig gebracht hatte, den Mann meines Lebens zu finden, zu heiraten und seine Kinder auszutragen.  Wenn es dann soweit war, wie würde ich vor den Altar treten? An Krücken? Um Himmels Willen!

Ich ging also zum Arzt, um diese Negativentwicklung aufzuhalten. Heutzutage kann die Medizin ja so manche Wunder vollbringen, da darf man die Flinte nicht zu früh ins Korn werfen, wozu gibt es schließlich Forschung und Pharmaindustrie?
Mein Arzt hörte mir aufmerksam zu, während ich ihm mein Leid klagte, und bat mich im Anschluss daran, Fußabdrücke auf Papiertüchern zu hinterlassen. Ich war ein wenig enttäuscht. Was hatten Fußabdrücke auf Papiertüchern mit Forschung zu tun? Aber ich beschwerte mich nicht, ich trat nur fest auf.
Und mein Arzt sah sich das Ergebnis an und brummte: „Hm.“
„Was ist es, Herr Doktor?“ fragte ich besorgt.